Matias Huart



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HUARTS LINIEN-BILDER UND EIN BLICK AUF BESTIMMTE WERKE VON DÜRER

Als Matias Huart auf der Insel Malta 1990/91 ein Skizzenbuch mit Zeichnungen füllte konkretisierte sich für ihn die Frage, die freilich schon für einige ältere Bilder bestimmend war: Wie wächst etwas - eine Figur, ein Kopf, oder einfach ein Bild - aus einer fortlaufenden Linie hervor, aus einer Linie von eigener Souveränität und Energie? Die Linien sollten vitalen Freiheiswillen und zugleich das Erleiden von Bindungen verkörpern. Sie sollten beides enthalten: "complexité & clarté", wie Huart am Rand einerSkizze notierte. Sie konnten in ihrem eindeutigen Verlauf "gestört" werden; dasLiniensystem konnte, ja sollte mit einem "Virus", wie Huart dies nennt, sich auseinandersetzen. Die Linien konnten als schwarze Linien zu farbigen Flächen in Beziehungen treten. Sie konnten körperhaft werden, als Doppellinien in Erscheinung treten: Doppellinien mit Abzweigungen, mit Überlagerungen, räumlich werdend, mit Verschlingungen, Verflechtungen, Verknotungen, offe, und dicht zugleich, ein (wie gefordert) komplexes und dennoch klares Geschlängel, nervös, doch kontrolliert, nur scheinbar verworren, scharf und energisch. Kein Ornament! Nichts Schönheitliches und Kurviges in Jugendstill - Tradition, eher rebellisch, expansiv, fast gar explosiv, doch immer zugleich gesammelt, in einem quadratischen und nicht zu kleinen Bildfeld zur Einheit gezwungen.


Kumstmuseum Basel

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Huart bewunderte seit langem die sechs Holzschnitte, die Albrecht Dürer "Knoten" nannte. Dürers von Stück zu Stück im Charakter verschiedenen,unerhört klaren Knäuelbilder in Scheibengestalt, die von feinen Unendlich - Schnüren ohne Anfang und Ende erfüllt sind - "Ornament" wäre auch dafur ein allzu einschränkender Begriff -, sie haben mit ihrer prallen Abstraktheit und kühlen Vitalität die Zeitgenossen fasziniert. Und Matias huart erlebte sie fast als "heilige Bilder".


Kumst Halle Basel

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Seine Werke suchen keine ruhe und keine geometrische Perfektion. Die Linien (Schnüre, Doppellinien, verfolgbaren Wege) haben Drive. Sie neigen zur kreisenden Dynamik, zu Pseudospiralen, zu Gegenbewegungen, zu unvermittelt eingeschlagenen Nebenwegen, darunter und darüber, immer sind Abweichler unter diesen dicht gezogenen Linienverläufen. Die Linien müssen sich ebenso mit mitreissenden wie mit störenden Kräften auseinandersetzen - man möchte sagen: mit psychischen Energien, mit Naturkräften. Die Linien verschlingen sich zahlreichen Stellen, drohen sich zu verknoten, doch wollen sie schliesslich zu einer bestimmten Stringenz und Klarheit gelangen, gar zu einer gespannten Ruhe vielleicht. Fesselung im Widerstreit mit Freiheitswillen; Verdichtung mit Freiraum; keine Verklumpung, nirgends Blockade der Energien; Bewegung auf jeden Fall; deutliche Rhytmik.


Interwiew Z.D.F.

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Als Huart vor Jahren noch vor allem als Musikperformer tätig war, sagte er (im Zusammenhang mit dem Magnetischen Abend in der Kunsthalle Basel im Mai 1980): "Von Natur elektrisch aufgeladen, ist es die Musik für mich ebenfalls. Ich will schaffen, was getan werden muss, und nicht, was ich gern tun möchte. Ich versuche, über den rein persönlichen Ausdrucksbereich hinauszugelangen, um letztlich das verwenden, was alle Menschen an Wellen und Rhythmen in sich tragen." Das antisubjektivistische Anliegen ist ebenso bemerkenswert wie der Anspruch auf etwas Reales, etwas das "alle Menschen in sich tragen", wirklich und permanent, nicht aus einer momentanen Laune heraus. Solcher Realismus passt schlecht zum Begriff des "Ornaments". Für diesen gilt aber das Anliegen, "über den rein persönlichen Ausdrucksbereich hinauszugelangen". Und das doppelte Phänomen der bindenden Verknüpfung und der freien Entfaltung erscheint permanent. Es tritt selbstverständlich noch in ganz anderen alten und neuen Kunstwerken hervor, ja es könnte sich hier um einen urkünstlerischen Stoff handeln. Zugleich steckt weltanschauliche Substanz darin. Das hatten Flechtwerk und Knoten schon immer in sich, seit der alt-irischen Buchmalerei und noch viel weiter zurück. Es geht über Symbol und Ornament weit hinaus, oder man müsste die Begriffe so stark dehnen, dass sie bald ihre Bestimmtheit verlören.


Fondation Beyeler CH.

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Nun hat ja niemand behauptet, das z.b Huart Ornamente macht. Dürers Knoten, was sind sie und wie soll man sie formgeschichtlich begreifen? Wie hat Huart sie verstanden, der sie in keiner Weise imitierte, sie aber bewunderte?

Dieter Koepplin
Kunstmuseum, Bâle